Menschen im Tageshospiz
Die Lebensfeier im Wintergarten
In der Begleitung von schwerstkranken Menschen kommt es immer wieder zu unvergesslichen Momenten und es wird auch dem Gesündesten klar – der wichtigste Moment im Leben ist immer der Augenblick. Das zu vermitteln und um eine große Dankbarkeit ihren Liebsten gegenüber auszudrücken, hat Annette L., an ALS neuromuskulär erkrankt, und seit Mai in der Villa Auguste Tageshospizgast, mit viel Hingabe eine „Lebensfeier“ ausgerichtet.
Für ihre erwachsene Tochter, ihre beiden Enkelkinder, ein Junge 10 und ein Mädchen 13, ihren Schwiegersohn und natürlich für ihren Mann, der mit ihr seit 35 Jahren schöne und schwere Zeiten bewältigt. Hinzu kamen weitere Lieblingsmenschen. Unterstützt und begleitet wurde Annette L. dabei von Anna Mühle, die den Sozialdienst im Tageshospiz und die psychosoziale Betreuung der Gäste verantwortet und Sängerin Jana Stefanek, ausgebildete Musiktherapeutin, die seit Eröffnung die Tageshospizgäste begleitet.
Unser Gast, eine ehemalige Kinderkrankenschwester, Zahnarzthelferin und ausgebildete Hospizbegleiterin hat im Laufe ihres nicht immer einfachen 67jährigen Lebens einige wertvolle Erkenntnisse gemacht. Davon hat sie in einer sehr persönlichen „Festrede“, der Anna Mühle ihre Stimme lieh, berichtet. Ihre wichtigste Botschaft ist, dass das Leben viele Wunder bereithält und die dabei gemachten existenziellen Erfahrungen vom Vertrauen-können, vom Glück und von der Liebe handeln – der Liebe zwischen Mutter und Tochter, zwischen den Generationen und zwischen Lebenspartnern.
Passendes Ambiente für diesen feierlichen Nachmittag bot der Wintergarten im Dachgeschoss mit Blick auf die Kolosse des Völkerschlachtdenkmals. Umrahmt wurde die Lebensfeier von wunderbaren Klängen. Unterstützt durch die Musikerin, brachte das gemeinsam gesungene Weltfriedensmantra „Om Mani Padme Hum“ die Stimmung auf den Punkt. Hinzu kamen Lieder zum Mutmachen von Gundermann „Immer wieder wächst das Gras“ und Antje Lamers „Wenn Du jemals vergisst, wie schön du bist und wie stark du bist ... ja dann kommst du zu mir und ich erinner‘ dich“. Diese Melodien vergegenwärtigen, dass um die Seele heimisch werden zu lassen, man sich gänzlich angenommen fühlen darf. Unser Tageshospizgast entzündete als Zeichen ihres großen Dankes eine Kerze für jede und jeden im Raum.
Annette L. war selbst nicht nur für ihre eigene Familie immer da, auch für Menschen am Lebensende war sie über 10 Jahre eine große Stütze. In gewisser Weise vollendet sich jetzt ihr Lebenskreis mit der Erfahrung, dass sie nun selbst gestützt wird. Im Tageshospiz erfährt sie liebevolle, empathische Fürsorge und hat dort bereichernde täglichen Angebote gefunden. „Das ist kaum zu glauben“ lässt sie sich bewegt zitieren, denn das Sprechen gelingt ihr nicht mehr. Die Verständigung geschieht auf anderen Ebenen, auch unter Einsatz ihres Smartphones.
Die Lebensfeier, bei leckeren Speisen und fröhlichen Beisammensein, mit Singen und Improvisieren mittels Monochord Instrument vermittelte die Gewissheit, dass sie immer da sein wird für ihre Lebensmenschen, solange es ihre Kräfte zulassen. Und wen diese schwinden, hat sie bereits selbstbestimmt festgelegt, mittels einer palliativen Sedierung schmerzfrei und geborgen im Kreis ihrer Liebsten ihren Lebensweg zu beschließen.
Wir danken Annette L. für das große Vertrauen und das schöne Fest und vor allem dafür, dass wir hier davon berichten dürfen! Denn das Tageshospiz wurde nicht zuletzt für solche Momente und Menschen unter großen Anstrengungen errichtet und weiterhin betrieben. Ohne Empathie und bürgerschaftliches Engagement könnte es nicht existieren.




